Macht und Rationalität: die Zukunft der Energieversorgung (2006)

Workshop vom 29. September bis zum 4. Oktober 2006

Seminarleitung: Felix Creutzig und Jan Christoph Goldschmidt

Unterstützung: Studienstiftung des deutschen Volkes, Heinrich-Böll-Stiftung, DBU, BUND, Friedrich-Ebert-Stiftung,

Die Probleme unserer heutigen Energieversorgung sind bekannt. So ist der Effekt treibhauswirksamer Emissionen identifiziert und verstanden. Lediglich die Prognose der Größe des Effektes und der Folgekosten ist unsicher. Auch die entsprechenden Lösungsansätze dazu stellen mit wenigen Ausnahmen kein Erkenntnisproblem mehr dar. Für den Umbau unserer Energiesysteme gibt es brauchbare Szenarien und konkrete Handlungsempfehlungen an die Gesellschaft. Warum aber lässt die Umsetzung auf sich warten?

Um diese Frage zu diskutieren trafen sich Anfang Oktober 2006 34 engagierte Studenten und Promovierende der verschiedensten Fächer im FORUM SCIENTIARUM in Tübingen. Vom Physiker zur Historikerin, von der Biologin zum Energiewirtschaftler, von der Politologin zum Agrarwissenschaftler reichte das Spektrum. Ziel war nicht nur voneinander zu lernen, sondern vielmehr miteinander die Komplexität der Energieversorgung und der Interaktion mit der Politik zu verstehen.

Die langfristigen Folgen menschlichen Handelns waren noch nie von so umgreifender Natur wie wir es heutzutage erleben. Speziell die vom Menschen verursachte Klimaveränderung wird in den nächsten Generationen und darüber hinaus die natürliche Umwelt und uns Menschen schwer treffen. Die negativen Folgen werden die positiven bei weitem übertreffen und so gilt es das Ausmaß des Klimawandels möglichst stark zu begrenzen. Der Klimawandel geht auf Treibhausgase zurück, deren wichtigster Vertreter Kohlenstoffdioxid ist. Kohlenstoffdioxid entsteht beim Verbrennen fossiler Energieträger wie Öl, Kohle und Gas. Der Wechsel von diesen fossilen Energieträgern zu Alternativen ist folglich zentral, um den Klimawandel einzudämmen und der entscheidende Punkt einer Energiewende. Darüber hinaus muss eine Energiewende aber auch die weltweit und auf allen Ebenen auftretenden Ressourcenkonflikte entschärfen und allen Menschen Zugang zu modernen Energieformen ermöglichen und so eine Chance auf Entwicklung geben. Sie muss in einem umfassenden Sinne sozial und ökologisch nachhaltig sein.

Die wichtigsten Eckpunkte einer Energiewende können anhand des Gutachtens des wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung aus dem Jahr 2003 skizziert werden. Effiziente Technologien könnten demnach die Nachfrage nach Energie erheblich reduzieren. Der Verbrauch von Kohle kann bis 2050 erheblich sinken und übergangsweise von den CO2-ärmeren Gaskraftwerken ergänzt werden. Windkraft und Biotreibstoffe können schon in den nächsten 20 Jahren große Anteile an der Energieversorgung übernehmen. Das größte und prinzipiell unbegrenzte Potential steckt in der Solarenergie, die jedoch erst in 20 Jahren signifikante und immer größere Teile der Energieversorgung übernehmen wird.

Im Detail erarbeiteten die Teilnehmer die Möglichkeiten der Netzwerkregelung bei dezentraler Energiebereitstellung und Maßnahmen zu Steigerung der Energieeffizienz. Hierbei hilft eine stärke Fokussierung auf die eigentlichen Energiedienstleistungen, statt auf die bloße Bereitstellung von Nutzenergie. Großes Potential zur Reduktion des Energieverbrauchs liegt z.B. in der Wärmedämmung von Gebäuden. Ein zusätzlicher Aspekt einer umfassenden Energiewende ist Suffizienz, also ein Mehr an Lebensqualität ohne eine Ausweitung des materiellen Verbrauches. Es geht dabei nicht so sehr um Verzicht, sondern um das rechte Maß an materiellem Wohlstand. Verringerung des absoluten Bedarfs an Energiedienstleistungen.

Die bloße Feststellung des Problems (Klimawandel) und die prinzipiell einsichtige Lösungsstrategie (Energiewende) bedeuten allerdings keineswegs, dass diese Lösungen auch realisiert werden. Die Realität besteht aus sich historisch entwickelten Strukturen, asymmetrischer Machtverteilung und individuellen Anreizsystemen, die zum Teil dem Gemeinwohl entgegenstehen. Eine Analyse dieser Dimensionen ist fundamentale Vorraussetzung, um Handlungsmöglichkeiten in einer komplexen Welt zu entwickeln. Genau diese Analyse am zentralen Beispiel der Energieversorgung war Aufgabe und Ziel des Seminars zur Energiewende.

In wie weit übt Technologie selbst Macht aus? Oder konkreter: In wie weit sorgen die unterschiedlichen Techniken der Energieversorgung, die zentralen Großkraftwerke und die dezentralen alternativen Energieträger für unterschiedliche Machtstrukturen? Aus einer philosophischen Sicht fragten die Teilnehmer sich, was Macht eigentlich ist und kamen zu dem Begriff der zwei Pole der Macht, Kommunikation und Gewalt. Die Machttheorie Foucaults diente den Teilnehmern als Werkzeug zur Analyse von Machtstrukturen und des historisch sich entwickelnden Diskurses. So beruht die Macht der Energiekonzerne (e.on, RWE, Vattenfall, EnBW) keineswegs alleine auf Geld, sondern vielmehr auch auf Habitus und Wissen über Einflussmöglichkeiten wie Lobbyarbeit, auf einer versuchten Lenkung des Diskurses und im speziellen auf einer engen Verquickung zwischen Politik und den großen Energiekonzernen.

Diese Analyse allein reicht aber nicht aus. Die Teilnehmer stellten sich deshalb auch die Frage: Wie sieht der Handlungsanreiz für ökonomisch agierende Akteure aus, wenn gleichzeitig das Allgemeinwohl betroffen ist? In zwei parallel stattfindenden Sitzungen spielten die Teilnehmer ”Fishbanks”, ein Spiel zur Verdeutlichung der Allmendenproblematik. In dem Spiel besteht ein Anreiz, möglichst viele Fische zu fangen, um seiner Fischfirma zum Sieg zu verhelfen. Die einzelnen Gruppen der einen Sitzung schafften es, die Fischgründe komplett leer zu fischen und damit die zukünftige ökonomische Basis zu zerstören. In der parallel dazu stattfindenden zweiten Sitzung dagegen einigten sich die Gruppen auf eine enge Kooperation und feste Fangquoten, womit ein (einigermaßen) nachhaltiger Fischfang gewährleistet wurde. Die beiden Sitzungen unterschieden sich nicht nur im ökonomischen Erfolg deutlich, sondern auch in Stimmung und Selbstzufriedenheit. Das Erlebnis wie anfänglich schwierig Kooperation und Vertrauen aufzubauen waren einerseits, und wie groß der Erfolg der Kooperation andereseits war, beschrieben sehr viele Teilnehmer als ganz zentrales Erlebnis des Seminars.

Die Zusammenstellung der Erfolgsfaktoren für Kooperation gegenüber der Überausbeutung der Ressourcen füllte eine eng beschriebene Tafel und zeigte auf, welche Komplexität hinter der erfolgreichen Ausgestaltung von Kooperation steckt. Der Literatur folgend scheint zentral zu sein, dass die Gruppe sich selbst organisiert und nicht von außen bestimmt wird, dass der Situation angemessene und überprüfbare Regeln aufgestellt werden, und dass die Gruppe sich nach außen abgrenzen kann, z.B. gegenüber einer anderen Gruppe, die auch ”Fishbanks” spielt. Zu starke Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen scheinen dagegen die Kooperation unwahrscheinlicher zu machen.

Anschließend wurde mit Inputreferaten die passende ökonomische Theorie eingeführt. Menschliches Verhalten ist nicht immer rational, sondern wird in komplexen Situation oft irrational. Auch handeln Akteure entgegen dem klassischen Modell nicht immer selbstbezogen, sonder oft auch kooperativ, solange die anderen auch kooperieren. In überschaubaren Gruppen ist unter diesen Voraussetzung fast immer eine nachhaltige selbstorganisierte Ressourcennutzung möglich. In großen anonymen Gruppen ist Schaffung von nachhaltigen Institutionen dagegen ein fundamentales Problem. Wenn Regeln nicht oder nur schlecht überprüfbar und/oder wirksam sind, entsteht oft der gegenteilige Effekt und Individuen trachten jetzt erst nach der eigennützigen (Über)Nutzung von Ressourcen. Prinzipiell bieten sich drei Möglichkeiten für große Gruppen: 1) effektive formale Regeln; 2) geeignete ”belief systems” in der Gruppe wie z.B. die Einstellung, dass es eine soziale Tugend ist, Steuern zu zahlen, und einem dies durch die Gemeinschaft zurückgezahlt wird; 3) Zurückführung auf kleine selbstorganisierende Gruppen.

Mit einer Marktsimulation von Kraftwerksbesitzern und Stromhändlern erarbeiteten sich die Teilnehmer Effekte des Emissionshandels. Weitere Vorträge ermöglichten ein tieferes Verständnis des Konfliktes um den Emissionshandel, die Einführung erneuerbarer Energien in Deutschland, dem Atomausstieg und andere spezifische Energiefragen. Kleingruppen wandten schließlich das erworbene Instrumentarium von Machtanalyse bis zur spieltheoretischen und institutionellen Betrachtungsweise auf diese konkreten Situationen an. Die Ergebnisse werden in einer Publikation gesammelt. Einzelne Aspekte sind vorläufig auf der Webseite www.new-ecology.de einsehbar.