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Colin Crouch

Colin Crouch, geboren 1944, ist ein britischer Politikwissenschaftler und Soziologe. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung Governance und Public Management an der Warwick Business School. Am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln ist er seit 1997 Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Wirtschaftssoziologie, den Gesellschaftsstrukturen in Europa, neoinstitutionalistischen Analysen, lokaler Wirtschaftsentwicklung und der Reform öffentlicher Dienste.

Crouch hat in London und Oxford studiert. Ab 1972 lehrte er als Lecturer an der Bath University. 1975 erwarb er seinen Doktor der Philosophie an der Oxford University. Danach lehrte er an der London School of Economics, bevor er 1985 dem Ruf auf eine Professur für Soziologie an die Oxford University folgte. Von 1995 bis 2004 lehrte und forschte er als Professor für Comparative Social Institutions am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Von 1985 bis 1994 war er zudem Fellow des Trinity College in Oxford. Seit 2005 war Crouch bis zu seiner Emeritierung 2011 Leiter des Institute of Governance and Public Management an der Warwick Business School der Warwick University. Crouch ist seit 2012 Vizepräsident für Sozialwissenschaften an der British Academy for Humanities and Social Sciences und Wissenschaftlicher Berater des Directorate for Public Governance and Territorial Development der OECD.

Mit seinem Buch Postdemokratie (2005) prägte er einen international viel diskutierten Begriff, der Eingang in aktuelle demokratietheoretische Debatten gefunden hat und auch im politischen Feuilleton und in tagespolitischen Debatten auf Resonanz stieß.

Mit dem Begriff der Postdemokratie kritisiert Crouch Funktionsdefizite traditioneller liberal-demokratischer Institutionen. Zwar erfüllt ein politisches System im Zeitalter der Postdemokratie noch die formalen Eigenschaften demokratischer Regime und ist keinesfalls mit undemokratischen Gesellschaften gleichzusetzen. Die Rechtfertigung politischen Handelns lässt sich aber nicht mehr durch die Partizipation der Bürger begründen. Die Bürger spielen in der postdemokratischen Gesellschaft nur noch eine passive und stille Rolle, ohne Möglichkeit zur Gestaltung politischer Auseinandersetzungen. Im Gegensatz dazu treten einzelne große Unternehmen als politische Akteure auf, die nicht mehr in korporative Arrangements eingebunden sind. Auch deswegen wird Politik, Crouch zufolge, zu einseitig unter den Maximen von Markt und Wettbewerb und ihrer medialen Vermittelbarkeit begriffen. Der Begriff Postdemokratie erfüllt für Crouch dennoch auch eine positive Funktion, kann die Analyse der politischen Situation doch dazu beitragen, die liberale Demokratie zu revitalisieren.

Für sein Buch Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus erhielt Crouch 2012 den Preis »Das politische Buch« der Friedrich-Ebert-Stiftung. 2015 wurde sein neuestes Buch Die bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht vom Handelsblatt, der Frankfurter Buchmesse und der Investmentbank Goldmann Sachs für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis nominiert.

Wichtige Publikationen:
Postdemokratie (dt. 2008); Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus. Postdemokratie II (dt. 2011); Making Capitalism Fit for Society (2013); Jenseits des Neoliberalismus. Ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit (dt. 2013); Die bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht. Postdemokratie III (dt. 2015).