Silke Schöttle: Profis, Proselyten, Provokateure

Neben der Aneignung profunden Fachwissens spielt seit dem Bologna-Prozess in unserem nunmehr globalisierten höheren Bildungssystem auch der Erwerb überfachlicher und interdisziplinärer Schlüsselqualifikationen eine bedeutende Rolle. Verhaltens- und Konfliktlösungsstrategien, Lern- und Arbeitstechniken sowie Rede-, Kommunikations- und Medienkompetenzen zählen zu diesen sogenannten soft skills, welche Studenten und Absolventen praxisbezogen auf Studium und Beruf vorbereiten sollen. Das war schon in der Frühen Neuzeit so! Bereits im 17. und 18. Jahrhundert erlernten Studenten an Universitäten und Ritterakademien beim Reiten, Fechten, Tanzen, beim Ballspiel und im Sprachunterricht Strategien der ständischen Repräsentation, der Körperbeherrschung, des gesellschaftlichen Umgangs, der Etikette und der Konversation. Dem zugrunde lag die Ergänzung des bis dahin vorherrschenden humanistischen Bildungsideals durch das höfische Menschenbild, das sich durch Baldassare Castigliones Il libro del cortegiano (1528) seit dem 16. Jahrhundert in ganz Europa verbreitet hatte: Der perfekte Hofmann und Fürstendiener sollte eben nicht nur über theoretisches Fachwissen verfügen, sondern auch über Umgangsformen und Weltgewandtheit. Unterrichtet wurden diese für adlige Studenten immerhin obligatorischen Zusatzqualifikationen in der Frühen Neuzeit von sogenannten Exerzitien- und Sprachmeistern, einem ganz besonderen Lehrpersonaltypus, der neben den bereits häufig untersuchten Professoren und Studenten von der bildungs- und universitätsgeschichtlichen Forschung bisher vollkommen übergangen wurde. Die Exerzitien- und Sprachmeister waren hoch qualifizierte und sehr mobile Persönlichkeiten von ganz unterschiedlicher sozialer, regionaler und konfessioneller Herkunft. Am Beispiel des Studienstandortes Tübingen eröffnet sich mit einer umfassenden Untersuchung von Status, Qualifikation, Mobilität, Konfession, Vernetzung und Unterrichtswirklichkeit der zwischen 1594 und dem Beginn des 19. Jahrhunderts in Tübingen lebenden und lehrenden Exerzitien- und Sprachmeister ein spannendes und bisher noch unbekanntes Kapitel der Universitätsgeschichte.