Unseld Lecture 2018: Jahresthema

Das Nachdenken über die Grundlagen und Strukturen von Moral fällt klassischer Weise in die Zuständigkeit der Philosophie. In den letzten Jahren sind allerdings mehrere prominente Arbeiten zur Evolution von Moral entstanden, in die ganz andere disziplinäre Perspektiven einfließen. So hat beispielsweise die Frage nach den evolutionären Ursprüngen moralischen Handelns die Anforderungen in den Fokus gerückt, die das soziale Miteinander in der Entwicklungsgeschichte an in Gemeinschaft lebende Tiere und Frühmenschen gestellt hat. Vor allem in der evolutionären Psychologie und der artvergleichenden Verhaltensforschung wird heute dafür argumentiert, dass Vertrauen, Zuneigung zu Nächsten und die Erfahrung von gegenseitiger Hilfe entscheidende Entwicklungen in der sozialen Interaktion gewesen sind, die über weitere Zwischenschritte schließlich auch die Entstehung von Moral ermöglicht haben. Moralität wird demnach als eine Adaption verstanden, die die Menschen zu höher entwickelten sozialen Tieren gemacht hat.

 

Die Neurophilosophin Patricia Churchland geht nun noch einen Schritt weiter und fragt nach der Bedeutung, die neuronalen Korrelaten und chemischen Substanzen bei der Ausbildung der beschriebenen Soziabilität zukommt. Wenn wir nachvollziehen können, welche neurobiologischen Prozesse zur Ausbildung von sozialen Praktiken beigetragen haben, dann lernen wir etwas darüber, wie moralisches Verhalten entstehen konnte. Beispielhaft zeigt Churchland, welchen Einfluss die beiden Hormone Oxytocin und Vasopressin für die Evolution von Moral gehabt haben. Sie hält es für wahrscheinlich, dass diese Hormone durch ihren Einfluss auf das Gehirn zunächst die Fürsorge für den eigenen Nachwuchs und in der Folge auch für die weitere Verwandtschaft gefördert haben. Die Entwicklung von Moral könnte auf eine weitere Verallgemeinerung eines solchen Fürsorgeverhaltens zurückzuführen sein.

 

Churchland vertritt die Ansicht, dass der Nachweis einer solchen „neuronale Plattform“ des moralischen Bewusstseins die klassischen philosophischen Begründungen von Moral letztlich verzichtbar sein lässt.