Unseld Lecture 2017: Jahresthema

Political Ecology

In der frühen Neuzeit hat sich das Verhältnis des Menschen zur Natur grundlegend geändert. Es wurde zunehmend durch methodisch betriebene Forschung geprägt. Infolge dieser Abstraktion wurde Natur als von uns Menschen verschieden und als etwas außerhalb von uns begriffen, so als seien wir aus der Erde herausgelöst und könnten sie immer, wie seinerzeit bei der Mondlandung, aus der Ferne betrachten. Damit einher ging die Überzeugung, der Mensch könne die Natur beherrschen.


So wie die Entwicklung der Naturwissenschaft uns zur Vorstellung der Erde als einer beherrschbaren Größe geleitet hat, kann analog die Moderne als eine Entwicklung verstanden werden, in der die vielfältigen Lebenswelten in einer nach globalen Regeln geordneten Welt aufgehen.


Angesichts der ökologischen Krise scheint die Utopie eines globalen Fortschritts allerdings zunehmend fragwürdig. Die Natur, die wir zu beherrschen glaubten, bedroht uns erneut. Wir müssen deshalb unseren Umgang mit der Natur ändern und unser Verhältnis zur ihr überdenken. Allerdings können wir nicht einfach zu einem vor-wissenschaftlichen Naturverständnis zurückkehren.


Hier setzt Latour an: Er greift auf das von James Lovelock in den 1970er Jahren entwickelte Gaia-Konzept zurück, versteht unter Gaia aber nicht einen singulären Organismus, sondern will mit dem Begriff auf die enge Verflechtung und wechselseitige Angewiesenheit von Mensch und Natur aufmerksam machen. Es geht ihm darum, dass wir Menschen uns nicht als überlegene Herrscher über die Natur, sondern als symbiotische Gaia-Wesen begreifen.

Auch mit Blick auf den Globalisierungsprozess diskutiert Latour sein Gaia-Konzept. Die nationalen Abschottungsreflexe, die wir gegenwärtig erleben, schlagen fehl, weil uns auch im politischen Raum ein Zurück in alte Zeiten nicht möglich ist. Mit seinem Gaia-Konzept möchte Latour deshalb das Gerüst für eine künftige nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Politikern und Bürgern schaffen.



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