Projektgruppen Studienkolleg 2006/2007

 

Bericht über die Präsentation der Ergebnisse

Am 7. Juli 2007 fand in den Räumen des Forum Scientiarum die Abschlusstagung des Studienkollegs 06/07 statt. Vor einem interessierten Publikum aus Professoren, Kommilitonen und Gästen präsentierten die Stipendiaten ihre Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen, in denen sie während des zurückliegenden Jahres eigenständig an Projekten geforscht hatten. Die lockere Atmosphäre im Haus bot dabei viele Gelegenheiten zu Diskussionen und persönlichen Gesprächen.

 

 

Ein aus dem Alltag gut bekanntes, häufig jedoch unerwünschtes Phänomen, ist das Vergessen. In ihrer Projektarbeit setzten sich Rainer Engelken, Kathleen Hildebrand, Nikolaus Schmitz und Silke Wagenhäuser mit diesem Thema und seiner enormen Bedeutung für die Funktion sozialer Gesellschaften auseinander. Nachdem sie sich mit den molekularen sowie psychologischen Voraussetzungen und Mechanismen des Vergessens beschäftigt hatten, gelang es den Kollegiaten, mit Hilfe neuronaler Netze Vergessensprozesse am Computer zu simulieren. Im Dialog mit soziologischen und literaturwissenschaftlichen Theorien wurde darüber hinaus versucht, den naturwissenschaftlichen Zugang mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen zu vereinbaren.

 

 

Das Thema Imagination wurde von Anne-Sophie Brüggen, Sarah Jessen, Laura B. Kassner, Thorsten Liebelt, Yvonne Schweizer und Annika Weschler aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Kunstgeschichte, Philosophie, Computerlinguistik, Biologie und Neurowissenschaften beleuchtet. Von besonderem Interesse für die Projektgruppe war dabei die Relevanz der Imagination für Denken und Sprache. Ausgangspunkt der Arbeit war zunächst, in den einzelnen Disziplinen einen historischen und systematischen Überblick zu erarbeiten, und von dieser Grundlage aus Fragen zu thematisieren, die die definierten Fächergrenzen überschreiten. In der Arbeit der Kollegiaten entwickelte sich ein Dialog der Disziplinen über die vielfältigen Facetten des Themas, und es konnten einige weiterführende Forschungsdesiderata aufgezeigt werden.

 

 

Als Theory of Mind wird die Fähigkeit bezeichnet, sich und anderen mentale Zustände zuzuschreiben sowie Aussagen über diese Zustände zu machen. Kontrovers diskutiert wird in diesem Zusammenhang, ob und in welchem Umfang auch Tiere über diese Fähigkeit verfügen. Neben allgemeinen Fragen zur Theory of Mind aus der Perspektive von Medizin, Jura oder Ethik, befassten sich Judith Benz-Schwarzburg, Linda Braun, Alexander Ecker, Tobias Kobitzsch und Christian Lücking in ihrer Arbeitsgruppe insbesondere mit dem Verhältnis der Theory of Mind bei Menschen und Tieren. Neuere Forschungen belegen, dass schon sehr junge Menschen diese Fähigkeit besitzen, und auch Tiere mit höheren kognitiven Fähigkeiten, wie Schimpansen oder Rabenvögel, scheinen wenigstens ansatzweise über eine Theory of Mind zu verfügen. Die Projektgruppe hat ein Experiment konzipiert, mit dem diese Frage genauer untersucht werden kann.

 

 

Kann die Bereitschaft zu altruistischem Verhalten bereits durch das Lesen von Wörtern wie "helfen", "fördern" und "unterstützen" erhöht werden? Das war die zentrale Frage von Christian Gäßler, Ralf J. Geretshauser, Bilal Hawa, Steffen Kudella, Sebastian Sehr und Nora Umbach in der Projektgruppe Altruismus. In einer psychologischen Studie wurden Probanden mit solchen Wörtern konfrontiert, während bei einer Kontrollgruppe die Schlüsselwörter durch neutrale ersetzt wurden. Unmittelbar im Anschluss an den Test wurden die Probanden mit einem scheinbar verlorenen Brief auf dem Gehsteig konfrontiert. Das Experiment bestätigte die Vermutung, dass jene Probanden, deren Hilfsbereitschaft durch Präsentation der Schlüsselwörter gesteigert worden war, den Brief signifikant häufiger dem vermeintlichen Empfänger zukommen lassen würden. Die statistische Auswertung der Studie wurde durch die Lektüre von philosophischen und wissenschaftstheoretischen Positionen zum Altruismus theoretisch fundiert.

 

 

Mit einem Phänomen, das jeder kennt, aber niemand genau beschreiben kann, setzten sich Nina Baier, Christoph Paret und Sarah Wiethoff auseinander: Mit Zeit und Zeitbewusstsein. Während Fragen zum Thema Zeit traditionellerweise in der Philosophie, Theologie und verwandten Disziplinen verhandelt werden, betrachtete die Projektgruppe das Thema auch aus der Perspektive von Medizin und Psychologie. Sowohl fortschrittliche bildgebende und diagnostische Verfahren in den Bio- und Neurowissenschaften als auch Studien in der experimentellen Psychologie eröffnen heute neue Zugangsperspektiven. Angesichts einer Vielzahl von Publikationen und Forschungen auf diesem Gebiet war es das Anliegen der Gruppe, eine kohärente und brauchbare Übersicht über die verschiedenen Ansätze zu erstellen, die bei weiterführenden Arbeiten zu Fragen von Zeit und Zeitbewusstsein den Einstieg in das Thema erleichtern kann.